Dass die das überlebt haben, ist ein Wunder! Flic Flac macht Zirkus.

Zirkus Flic Flac – Ich finde ja, das klingt so ein bisschen nach Kindertheater. „Guck mal, Mama! Ich kann schon FlicFlac!“ Ein Kinderspiel war das allerdings nicht, was die Artisten unterm Zeltdach so getrieben haben. Flic Flac klingt jedenfalls viel zu harmlos.

Ästhetik versus Elefanten

Eigentlich gehe ich nicht gerne in den Zirkus, weil ich keine Tiere in der Manege mag. Selbst dressierte Hunde im Rampenlicht sind mir ein Graus, obwohl ich ja meiner Großspitzin auch ein paar Kommandos beigebracht habe – allerdings eher, um einen reibungslosen Tagesablauf zu garantieren und sie zu schützen und nicht, um sie vorzuführen. Wie oft habe ich mir schon gedacht, dass die Dompteure sich doch mal selber in die Manege stellen sollten, um durch brennende Reifen zu springen oder um waghalsige Balanceakte wider ihrer Natur hinzulegen. Zirkus Flic Flac hat diese Mischung aus Wunsch und Fluch wohl gehört.

Es gibt keine Tiere, nur Artisten. Man setzt auf Ästhetik, Stil und atemberaubende Stunts. Ein kluger Schachzug, um dem Zeitgeist gerecht zu werden. Trotzdem hatte ich, als wir ankamen, noch dieses alte Bild vom Zirkus im Kopf: Clowns, bunte Farben, Jongleure, Geruch nach Pferden, exotischen Tieren, Sägespänen und Popcorn – eine Mischung aus Kirmes und Bauernhof. Die Realität sah natürlich anders aus. Es gab im gelb-schwarzen Zelt einen Merchandise-Stand, einen Bildschirm, auf dem Trailer liefen, Brezel, Getränke, aber nirgendwo knatschbunte Luftballons, Luftschlangen, Leiermann und Liebesperlen in kleinen Fläschchen. Ein ganz kleines bisschen fand ich das schade.

Ist das schon böse Sensationsgier?

Die Nostalgie hatte ich mit dem ersten Auftritt der Artisten vergessen. Die Vorstellung begann spektakulär. Ein großes Rad, mehrere junge Männer, die innen und außen auf ihm herumkletterten, Sprünge wagten und durch die Luft flogen. Ich hatte so eine Angst, dass einer runterfällt. Das war ja nun auch der Sinn der Sache, denke ich. Ist gelungen! Ich erwischte mich immer wieder dabei, dass ich mich fragte, ob es okay ist, sowas anzuschauen. Schließlich bringen sich hier junge Menschen für ein sensationslüsterndes Publikum, zu dem ich mich in diesem Moment auch zählen musste, in Lebensgefahr – kein Netz, kein doppelter Boden, keine Sicherungsseile. Höher, schneller, weiter, gefährlicher. Mit Netzen bekommt man die Generation der computeranimierten Special Effects wahrscheinlich nicht mehr zum Staunen. Vielleicht ist nicht jeder so ein Schisser wie ich, aber trotzdem … ich kam gar nicht dazu, diese Gedanken weiterzuspinnen, denn ein Highlight jagte das nächste.

 

Orphi in Lebensgefahr

Eine Nummer blieb mir besonders in Erinnerung, denn bei der waren nicht nur die Artisten, sondern auch ich in Lebensgefahr. Vermutlich nicht wirklich, aber es fühlte sich so an. Ich saß direkt am Gang und es begab sich, dass es plötzlich intensiv nach Benzin roch und dass Motorräder wie aus dem Nichts in die Manege katapultiert wurden. Die kamen aber gar nicht aus dem Nichts, sondern aus dem Gang direkt neben mir. Da hatte man die Rampe aufgebaut. Den Blick gen Manege überlegte ich dümmlich, wo die überhaupt herkommen, diese Motorräder. Da fing ich den Blick einer Dame auf, die auf der anderen Seite auch direkt am Gang saß. Sie starrte mich angsterfüllt an und ihr Blick suchte Bestätigung – geteiltes Leid ist halbes Leid. In dem Moment kapierte ich, dass die Dinger 20 cm von meinem linken Ohr entfernt über die Rampe schossen. Natürlich habe ich mir nichts anmerken lassen und habe cool und lässig weiter zugeschaut. In echt aber hätte ich am liebsten wie die Frau gegenüber geguckt und mich dann unterm Stuhl versteckt. Wenigstens hat mich der Clown nicht in die Manege geholt. Der war übrigens auch nicht bunt und er hatte auch keine rote Nase. Er erinnerte eher an einen wortgewandten Kleinkünstler auf dem Mittelaltermarkt. Ich kann ja Publikumsbeteiligung nicht leiden!

Und die Moral von der Geschicht …

Nun, ich habe es überlebt, die Frau hat es überlebt und zum Glück haben es auch die Artisten überlebt. Es war absolut faszinierend – eine Mischung aus Musical, Tanztheater, Artistik und Rammstein. Jeder, der in seiner Stadt Plakate von Flic Flac sieht, sollte sich unbedingt Karten kaufen. Die Vorstellung ist wirklich atemberaubend. Es gibt noch ein ganz persönliches Fazit: Ich bin kurze Zeit vor diesem Zirkusbesuch an der Niers spazierengegangen und in einem Anfall von jugendlichem Leichtsinn auf Baumstämme am Wegesrand geklettert. Dabei kam ich mir vor, als sei ich 99 Jahre alt und ich glaube, es sah auch nicht sehr elegant aus. Wenn man also sieht, was der menschliche Körper offensichtlich kann – Flic Flac hat es bewiesen – und was mein Körper alles nicht kann, dann … Doch nochmal ein bisschen Sport machen?

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