London,  Museum

Greenwich – Das Haus, in dem die Zeit gemacht wurde

Dies ist das Flamsteed-Haus auf einem Hügel in Greenwich, in dem Astronomen viele Jahrzehnte lang den Himmel beobachteten, um das Rätsel um den Längengrad zu lösen. Hier befindet sich auch der Nullmeridian, nach dem die ganze Welt die Zeit ausrichtet. Ich muss zugeben: Sobald es um Längengrade und Breitengrade und um mehr als zwei geschichtliche Zahlen geht, versucht mein Gehirn zu flüchten. Doch keine Angst! Auch Abenteurer kommen in Greenwich auf ihre Kosten. Im Flamsteed-Haus auf einem Hügel gibt es Atmosphäre und Geschichten. Und schon der Weg dorthin durch einen Tunnel unter der Themse hindurch ist echt gruselig.

Ein kurzer Blick über die Schulter ins 18. Jahrhundert: Weitreisende Seefahrer und Kaufleute hatten auf dem Meer keine Möglichkeit, ihre genaue Position zu bestimmen, denn es war im Gegensatz zum Breitengrad nicht möglich, den Längengrad anhand der Planeten und Sterne zu berechnen. Einige Wissenschaftler – darunter auch Isaac Newton – hielten die Bestimmung aber für möglich. Newton war der Meinung, dass hier die Zeit eher helfen könne als die Sterne. So schrieb der Ausschuss des Parlaments unter Königin Anne 1714 Preise für diejenigen aus, die des Rätsels Lösung finden würden. Unwissenschaftlich ausgedrückt:

  • 20.000 Pfund (heute mehrere Millionen Euro) für eine sehr genaue Bestimmung
  • 15.000 Pfund für eine mittelgenaue Bestimmung
  • 10.000 Pfund für eine Bestimmung mit einer Abweichung von einem Grad

Bis zu ihrer Auflösung im Jahr 1828 vergab die Längenkommission so 100.000 Pfund Sterling. Da wir mittlerweile auch den Längengrad bestimmen können, gehe ich davon aus, dass irgendwer irgendwann erfolgreich war. aber darum soll es hier nicht gehen. Am königlichen Observatorium Greenwich, das bereits Ende des 17. Jahrhunderts entstand, sollte jedenfalls versucht werden, auf astronomischen Pfaden dem Längengrad Herr zu werden. Erster königlicher Astronom hier war John Flamsteed. Daher hat das Haus seinen Namen.

Doch um das Haus, das heute als Museum dient, besichtigen zu können, muss man erst einmal hinkommen.

Der Tunnel unter der Themse

Man stelle sich vor: Wir stehen hier mit einem wunderschönen Blick auf die University of Greenwich und das dahinter auf einem Hügel stehende Royal Greenwich Observatory. Und wir müssen auf die andere Seite.

 

Was liegt da also näher, als UNTER der Themse hindurch zu laufen? Ja, richtig gelesen. Es gibt einen feuchten, kahlen, gruseligen Tunnel, den man per Aufzug in die Unterwelt erreicht. Das sieht dann so aus:

Und was dann vor einem liegt, sieht so aus und ist nix für Leute mit Klaustrophobie, denn der Tunnel ist schmal und nicht besonders hoch. Außerdem riecht es so, als wenn die Themse jeden Moment durch die Decke bricht:

Früher gab es eine Fährverbindung von Greenwich auf der Südseite zur Halbinsel Isle of Dogs auf der Nordseite. Die war aber unzuverlässig, weil sie vom Wetter und anderen Bedingungen abhing. Damit die Arbeiter schnell zu ihren Arbeitsplätze in den Docks kommen konnten, baute man den Tunnel – wohlgemerkt 1899 per Hand – 15 Meter unter der Themse, 370 Meter lang.

Die Hexe Nannie auf der Cutty Sark

Wenn man unbeschadet auf der anderen Seite wieder rauskommt, wird man mit einem Blick auf die Cutty Sark belohnt, einst eines der schnellsten Segelschiffe der Welt. Galionsfigur der Cutty Sark – heute ein Museumsschiff – ist die Hexe Nannie.

Cutty Sark heißt so viel wie „kurzes Hemdchen“ und was dieses Hemd und die Hexe verbindet, erfährt man in dem Gedicht Tam o‘ Shanter von Robert Burns. Nur so viel: Nach einer wilden Verfolgungsjagd hat die Hexe statt Tam nur den Schweif eines Pferdes in der Hand und den hält sie noch heute fest. Notiz am Rande: Auch der Song „Number of the beast“ von Iron Maiden beruht auf diesem Gedicht.

Einige Meter weiter auf der linken Seite, gelangt man zum Greenwich Market. An dieser Stelle sei kurz erwähnt, dass ich immer dachte, dass sich Greenwich „Griiinwitsch“ ausspricht. In echt sagt man aber „Grennitsch“ – falls man das hier lautmalerisch erkennen kann. Falls nicht, einfach mal hier klicken.

Der Flohmarkt in Greenwich

Wer Zeit mitgebracht hat (man beachte das Wortspiel), der kann vor dem Besuch des Nullmeridians einen kurzen Abstecher auf den Markt machen. Es handelt sich um einen kleinen Streetfood-Markt mit angeschlossenem Trödelmarkt. Nicht sehr groß, nicht sehr beeindruckend, aber nett.

Greenwich ist nicht besonders groß und so ist es auch nur ein Katzensprung zur nächsten Station auf dem Weg zur historischen Sternwarte.

Greenwich Park mit dem Haus der Queen, Gärten und Wildgehege

Ich denke, um den Greenwich Park zu erkunden, braucht man alleine einen Tag und vielleicht werden wir das bei unserem nächsten London-Besuch sogar machen. Am besten ist hier natürlich ein Besuch im Sommer, denn es gibt Blumengärten, einen Kräutergarten einen Tierpark und viel Natur zu bestaunen. Außerdem befindet sich im Greenwich Park ein ehemaliger Palast der Queen. Wir waren nur am Eingang ganz links auf der Karte (roter Fleck) und sind dann auf direktem Weg den Hügel hinauf zur Sternwarte (Das Haus unter dem „N“).

 

Es ist ein ganzes Stück den Hügel hinauf, bis zur historischen Sternwarte. Leider teilt man das idyllische Fleckchen London mit zahlreichen Touristen. Dafür wird man aber auch mit einem gigantischen Blick auf die Isle of Dogs belohnt.

Oben angekommen, muss man Eintritt bezahlen. Das hatten wir eigentlich nicht erwartet. In London sind die meisten Museen in öffentlicher Hand kostenlos und angesichts der Bedeutung dieses Platzes hatten wir nicht mit 15 Pfund pro Person gerechnet. Ein stattlicher Preis – immerhin war der Audioguide (auch auf Deutsch) im Preis inbegriffen.

I walk the line – der Null-Meridian in Greenwich

Ich weiß nicht genau, was ich erwartet hatte. Eigentlich verbinde ich nichts mit Meridianen, mit Längengraden und Breitengraden und über die Zeit hatte ich auch noch nie so richtig nachgedacht. Jedenfalls nicht im Sinne von Uhren. Die Zeit ist halt da und sie vergeht und wenn man in eine andere Zeitzone reist, dann stellt man die Uhr um. Auf dem Weg nach oben zum Null-Meridian dachte ich zum ersten Mal darüber nach, dass all das hier menschengemacht ist und dass es dort oben eine Linie gibt, nach der sich die Zeit der ganzen Welt ausrichtet. Ehrlich gesagt erschließt sich mir bis jetzt nicht, wie das vor sich geht und ich habe auch keine große Lust, mich mit diesen Berechnungen zu beschäftigen, aber ich fand es beeindruckend und ich dachte, dass mich etwas Großes, Mystisches erwartet. In echt sah der Null-Meridian so aus:

Eine schmale Linie im Boden mit unzähligen Touristen, die darauf herumhampelnd Bilder mit ausgestreckten Armen machten. Einige setzten sich auf die Linie und zeigten auf den Ort, aus dem sie kommen. Rechts und links der Linie sind Koordinaten einiger Städte verzeichnet. Irgendwie unspektakulär. Nachts ist es wohl etwas beeindruckender, denn dann zeigt ein Laser der aus dem kleinen eckigen Loch im Giebel kommt, den Nullmeridian an.

 

Der Ort, an dem Geschichte geschrieben wurde

Und was erwartete uns im Haus? Dieser gewisse und geliebte Hauch einer bedeutenden Vergangenheit wehte durch die Räume. Da hatten sie damals gesessen, die Familien der Astronomen – weit weg von der Stadt mit einem gigantischen Blick in alle Richtungen – sogar nach oben. Hier haben sie den Nachthimmel beobachtet, gerechnet, ihr Leben der Wissenschaft gewidmet. Und hier haben die Frauen Rosmarin zum Haare waschen gesammelt und Tabak zum Zähneputzen.

Wie hatte ihr Leben wohl ausgesehen? Was haben sie über die Welt gedacht? Was haben sie damals entdeckt? Ich hatte das Gefühl, an einem Ort mit Vergangenheit zu sein, ein Ort, an dem Geschichte geschrieben wurde. Eine davon ist die, dass die Seefahrer ihre Uhren nach der Position des roten Balls auf dem Dach des Hauses ausrichteten.

An die Wohnräume im Flamsteed House und die große Kuppel mit den alten Teleskopen schließt sich ein Museum an. Unter anderem kann man sich hier die Entwicklung der Zeitmessung vom Mittelalter bis zur Moderne anschauen. Ich musste allerdings angesichts der vielen Touristen passen. Ich kann mich nicht konzentrieren, wenn so viele Kinder um mich herum schreien, Eltern hektisch hin und her laufen und Menschenmassen mit Audioguides am Ohr sich an den Vitrinen vorbeiwälzen.

Ich setzte mich in den kleinen Garten am Ausgang des Museums, um auf den Ehe-Gruftie zu warten, und machte eine weitere Entdeckung. Eine Sonnenuhr. Übrigens die einzige Uhr, die ich in dem ganzen Museum wirklich verstanden habe. 🙂

 

 

 

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